Du warst nicht dabei.

Jutta Reck am Rednerpult
Eva Trapp | Jutta Reck spricht bei der "Meile der Demokratie"

Gedicht des Autors Viktor Dorn

Bei der Meile der Demokratie am 7. Februar auf dem Kitzinger Marktplatz trug Kreis- und Ortsvorsitzende Jutta Reck dieses Gedicht von Viktor Dorn vor:


„Du warst nicht dabei.

Beim Holocaust. Beim Krieg. Beim ganzen Wahnsinn.

Du warst nicht dabei. Und das betonst du laut, so laut, als hätte dir persönlich jemand die Schuld aufs Konto gebucht.

Du warst nicht dabei – und willst deshalb heute nichts hören, nichts fühlen, nichts begreifen. Denn du warst nicht dabei.

Aber du bist auch jetzt wieder nicht dabei.

Nicht dabei, wenn’s drauf ankommt.

Nicht dabei, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Nicht dabei, wenn auf den Straßen Hass marschiert.

Nicht dabei, wenn Courage mehr braucht als ein „Gefällt mir“ auf Instagram.

Aber du bist dabei, wenn’s darum geht, laut zu werden; gegen Schuld, gegen Erinnerung, gegen Verantwortung.

Du bist dabei, wenn wieder einer hetzt – nicht mit eigenen Worten, aber mit einem Share.

Du bist dabei, wenn wieder einer sagt „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“, und du klatschst innerlich Beifall.

Du bist dabei, wenn Geschichte sich nicht wiederholt, sondern ganz bequem weiterläuft.

Du glaubst, du bist in der Mitte. Aber du stehst nur im Weg.

Du hältst dich für unpolitisch. Aber dein Schweigen hat politische Wirkung.

Du willst nicht verantwortlich sein. Aber du wirkst mit – durch alles, was du nicht tust und nicht verstehst.

Du warst nicht dabei, als es begann.

Aber du bist jetzt dabei, wo es wieder beginnt.

Mit deinem Wegsehen.

Mit deinem Teilen.

Mit deiner lauten Weigerung, irgendetwas zu begreifen, was über deinen Tellerrand hinaus geht.

Niemand sagt, du sollst schuld sein.

Aber du bist Teil der Gegenwart.

Und du kannst nicht gleichzeitig in ihr leben und dich gleichzeitig aus allem herauslügen, was Verantwortung bedeutet.

Du willst nicht schuld sein an der Vergangenheit? Dann hör auf, die Zukunft mitzugestalten als wärst du’s!

Denn du warst nicht dabei. Und jetzt bist du es wieder nicht.

Und genau das ist das Problem!“


Für mich bedeutet dieses Gedicht folgendes:

Ich schau nicht weg, wenn ich Ungerechtigkeit, Hass, Verblendung und Verirrungen sehe.

Ich erhebe meine Stimme, meine Worte oder zeige mich persönlich, wie heute wir Alle hier am Marktplatz, um laut und sichtbar zu sein.

Ich lasse mir nicht vormachen, dass es schnelle und einfach anmutende Lösungen gibt, die in Wirklichkeit keine sind für die komplexen Probleme in der heutigen Zeit und mit machthungrigen und geldgierigen Autokraten, Kleptokraten und Despoten an der Spitze einer Regierung.  

Ich lasse mir das Denken und das Reden nicht verbieten.

Ich lasse mir meine Freiheit und meine Rechte nicht wegnehmen.

Und das sollten wir Alle nicht zulassen, sondern uns für die Rechte und Freiheiten, die die Generationen vor uns erkämpft und erstritten haben, einsetzen.

Und zwar nicht nur für unsere eigenen, sondern für die aller Menschen.

Demokratie ist kein Selbstläufer, wir müssen sie durch unseren Einsatz bewahren und sie leben.

Darum:

Lasst uns zusammenstehen und gemeinsam für unsere Demokratie einstehen!

Plakat "Meile der Demokratie"